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„Subjektivität",
vorkritisches und kritisches Denken

Übersicht
1.0 Der Problemhorizont
2.0 Vorkritische und kritische Beurteilung

     
2.1 Vorkritische Beurteilung

     
2.2 Kritische Beurteilung
3.0 Die Sicherung des kritischen Vollzuges
      3.1 Zum Beobachtungsprozess

     
3.2 Zum Beobachtungsergebnis
     
3.3 Zum Gegenstand des Urteils
     
3.4 Zu Inhalt und Aussageform des Urteils
      3.5 Beobachtung und Urteil
4.0 Schlussbemerkung

1.0 Der Problemhorizont

Wenn Menschen andere Menschen - in der Schule Lehrer Schüler - beurteilen sollen, so muss subjektives Erkennen anderen Menschen gerecht werden. Somit müssen Subjekte (philosophisch formuliert) zu objektivem Urteil fähig sein.

Die daraus folgenden Forderungen für angemessene Beurteilungsverfahren finden Sie auf den Webseiten „Das Problem der Objektivität" sowie Gütekriterien - Reliabilität und Validität" gesondert dargestellt. Hier geht es darum, Aspekte der Haltung zu erörtern, die ein Lehrer einnehmen muss, wenn er die Aufgaben und Schwierigkeiten der Leistungsbeurteilung angemessen erfüllen will.

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2.0 Vorkritische und kritische Beurteilung

Da die Leistungsbeurteilung zu den beruflichen Aufgaben der Lehrer ( 58 Abs. 1 und 67 Abs. 2 Satz 2 SchulG , vgl. die Webseite „Leistungsbeurteilung - eine Dienstpflicht des Lehrers") gehört, geht es um ein wesentliches Element ihrer Professionalität. Im Folgenden sollen dazu nötige Voraussetzungen im Anschluss an SCHRÖDER (1986) untersucht werden.

2.1 Vorkritische Beurteilung

Im Alltag beurteilen Menschen andere Menschen im Allgemeinen in einer Haltung, die als vorkritisch zu bezeichnen ist. Die Beurteilung wird unreflektiert und vorwissenschaftlich, also unkritisch vollzogen und zeichnet sich durch folgende Merkmale aus.

Urteile dieser Art

  • sind nicht prinzipiell falsch,
  • lassen sich nicht überprüfen,
  • erleichtern pragmatisch das Zusammenleben,
  • ergeben sich ohne besondere Denkanstrengung,
  • stammen überwiegend aus der Intuition,
  • folgen aus subjektiver Überzeugungsgewissheit.

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2.2 Kritische Beurteilung

Vorab dürfte deutlich sein, dass eine vorkritische Beurteilung für Lehrer nicht in Betracht kommt, weil sie nicht professionell ist. Also sind die Merkmale einer kritischen Beurteilung zu behandeln. Insbesondere sind zu nennen

  • Willenseinsatz und Bewusstseinsanspannung,
  • Aufwand an Zeit und Sorgfalt,
  • ganzheitliche Beobachtung.

Kritische Einstellung richtet sich nicht lediglich auf den Gegenstand der Beurteilung, das Objekt, sondern auch auf die Subjekt-Objekt-Beziehung.

Kritische Beurteilung bedeutet also

  • intensive Zuwendung zum Objekt
    und
  • gleichzeitige Prüfung des eigenen Vorgehens.

Diese kritische Zuwendung in der Schülerbeurteilung gilt sowohl dem Prozess der Schülerbeobachtung als auch der Urteilsabgabe.

Insgesamt richtet sich kritische Zuwendung

  • auf die Beobachtung,
    - den Prozess des Beobachtens,
    - das Ergebnis des Beobachtens;
  • auf das Urteil,
    - den Gegenstand des Urteils,
    - den Inhalt das Urteils.

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3.0 Die Sicherung des kritischen Vollzuges

Wendet sich der Lehrer der eigenen Erkenntnisgewinnung kritisch zu, so stellen sich ihm folgende Fragen, die einander ergänzen.

3.1 Zum Beobachtungsprozess

  • Sind die Erkenntnisse gewonnen worden, ohne dass sich subjektive Störfaktoren
    auswirken konnten?
  • Ist die Verlässlichkeit der Verfahren, mit denen die Erkenntnisse gewonnen wurden, gesichert?
  • Sind weitere Methoden angewandt worden und wie verlässlich sind sie?

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3.2 Zum Beobachtungsergebnis

  • Stimmen die neuen Erkenntnisse mit den bereits vorliegenden Informationen überein?
  • Lassen sich die Ergebnisse untereinander systematisch zuordnen?
  • Lässt sich die Richtigkeit der gewonnenen Erkenntnisse nachprüfen?
  • Sind die Ergebnisse so sicher, dass sich ein Urteil vertreten lässt?

3.3 Zum Gegenstand des Urteils

  • Steht der Gegenstand des gefällten Urteils verlässlich und eindeutig fest?

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3.4 Zu Inhalt und Aussageform des Urteils

  • Lassen Inhalt und Aussageweise der Urteilssätze den Grad an Sicherheit bzw. Wahrscheinlichkeit erkennen, der ihnen zugrunde liegt?

3.5 Beobachtung und Urteil

  • Halten Beobachtungsergebnis und Urteilsform der Gesamtbeurteilung einer kritischen Nachprüfung von anderer Seite stand?

Vollständige und völlig gesicherte Antworten auf diese Fragen wird man nicht erhalten, denn es gibt keine allseits gesicherten Kriterien, mit deren Hilfe die Verlässlichkeit des Beobachtungsverfahrens und die Gültigkeit des gefällten Urteils geprüft werden können. Es kann sich nur darum handeln, diesen Forderungen näher zu kommen.

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4.0 Schlussbemerkung

Auch der kritischen Urteilsfindung sind Grenzen gesetzt, doch sie ist sich deren bewusst. Der natürliche und direkte Bezug zum Schüler, der die vorkritische Beurteilung auszeichnet, lässt sie durch Intuition zu durchaus auch zutreffenden Urteilen kommen, ist jedoch durch Störfaktoren gefährdet, vgl. dazu die Webseite Fehlerquellen und Störfaktoren der Leistungsbeurteilung".

Die kritische Einstellung verliert diesen natürlichen Bezug, doch kann ihr das Vordringen zum gültigen Denkergebnis auch misslingen. Das kritische Denken muss also geschult werden; kritische Bezugnahme erleichtert jedoch den Denkakt nicht.


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Ausgearbeitet von:     Dr. Manfred Rosenbach -        letzte Änderung am: 15.01.08
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