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„Wer bekommt das Opossum?"

Dokumentation einer didaktischen Analyse

Übersicht

Diese Webseite ist aus inhaltlichen Gründen sehr lang. Die folgende Übersicht soll Ihnen die Navigation erleichtern. Bei Interesse an Einzelheiten empfiehlt es sich, die Webseite auszudrucken.

1.0 Aufgabenstellung
2.0 Das Beispiel
       2.1 Die Planungssituation
       2.2 Die Begründung der didaktischen Entscheidungen
       2.3 Der Stundenverlauf
3.0 Revision und exemplarische Bearbeitung
       3.1 Sachstrukturanalyse
       3.2 Didaktische Analyse
       3.3 Didaktische Reduktion
       3.4 Abschließende Bewertung
4.0 Schlussbemerkung

1.0 Aufgabenstellung

Bei der Planung von Unterricht ergeben sich i.d.R. zwei Grundsituationen:

  • Der/Die Planende ist auf der Suche nach einem Unterrichtsgegenstand, der sich dazu eignet, eine bestimmte unterrichtliche/erzieherische Absicht zu verwirklichen. Hier kann das Instrument bei der Auswahl helfen.
  • Der/Die Planende hat dem Unterricht einen vorgegebenen Gegenstand zugrunde zu legen. Hier kann das Instrument dabei helfen, den Unterricht für die Schüler sinnhafter und bedeutsamer werden zu lassen, als es bei einer unreflektierten Vorbereitung der Fall sein wird.

2.0 Das Beispiel

Hier wird ein konkretes Planungsbeispiels und dessen Revision vorgestellt. Der Verfasser hofft im Anschluss an die Webseite „Didaktische Transformation: Sachanalyse, didaktische Analyse, didaktische Reduktion" zeigen zu können, dass Sach- und didaktische Analyse ein leistungsfähiges Instrumentarium sind und sich die systematische Untersuchung des Unterrichtsgegenstandes lohnt.

2.1 Die Planungssituation

Ein Lehramtsanwärter hatte sich die Aufgabe gestellt, im Deutschunterricht einer 7. Klasse anhand eines interessanten, übersichtlichen und nicht langen Textes die Nacherzählung zu üben. Er hatte dazu einem eingeführten Lesebuch (THIEL, Kurze Geschichten zum Nacherzählen. Diesterweg 1980) folgende kurze Geschichte des Autors Frederik HEITMANN entnommen.

Wer bekommt das Opossum ?

Vier Neger, Bill, John, Pete und Bob, gingen einmal auf die Opossumjagd, aber während des ganzen Tages schossen sie nur ein einziges Tier. Also konnten sie sich leicht ausrechnen, daß am Abend drei von ihnen wohl oder übel vor leeren Tellern sitzen würden. Die Frage war nur, wer das einzige erlegte Tier braten und mit süßen Kartoffeln aufessen durfte.

Bill meinte: "Ich mache euch einen Vorschlag. Wir legen uns alle hin und schlafen. Wer im Traum der reichste Mann ist, der soll das Opossum bekommen."

Die anderen waren einverstanden, und alle vier legten sich an einem schattigen Platz ins Moos und schliefen ein. Als sie aufwachten, hatte Bill geträumt, er sei der reichste Mann.

"Gut, er soll das Opossum haben!"

"Nein", sagte John, "ihr habt mich vergessen. Mir hat geträumt, ich sei ein Millionär."

"Na, dann gebt ihm das Opossum."

"Und mich fragt keiner!" rief Pete empört, "dabei habe ich wirklich und wahrhaftig geträumt, mir gehöre die ganze, runde Welt."

"Ja, dann muß man das Opossum wohl Pete geben!"

"Langsam", sagte Bob, "ihr habt immer noch mich vergessen."

"Ach ja ... sag schnell, was hast du nun geträumt?"

Bob stand auf, lächelte, rieb sich den Bauch und sprach dann:

"Ich habe nichts geträumt. Ich habe auch nicht geschlafen. Ich bin wach geblieben und habe mir das Opossum gebraten. Ihr wißt doch: Es sind nicht die Träumer, die die fetten Bissen bekommen, es sind die Leute, die immer hellwach sind."

Anmerkung: Ein Opossum ist eine Art Beutelratte und wird ungefähr so groß wie ein Meerschweinchen.

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2.2 Die Begründung der didaktischen Entscheidungen

In seinem Stundenentwurf trug der Lehramtanwärter Folgendes vor:

Sachanalyse

Die kleine Geschichte mit anekdotischem Charakter bietet in der Überschrift dem Leser eine Frage, mit der sogleich, in der Erwartung einer Beantwortung, ein Spannungsbogen zum Ende der Anekdote geschlagen wird.

[. . .] [. . .] Die Auslassungen sind eine Inhaltsangabe.

Nachdem drei der Männer ihre angeblichen Träume erzählt haben, geschieht das Unerwartete. Bob, der Vierte, bekennt, dass er während des Schlafens seiner Gefährten die Beute verzehrt hat. Unter Gaunern ist er der Obergauner. Die Begründung, die er für sein Handeln angibt, ist die Pointe der Geschichte: Nicht die Träumer, sondern wer handelt, bekommt die Beute.

Didaktische Analyse

Die Übersichtlichkeit von Handlung und Bau der Geschichte machen sie, ebenso wie ihr Witz und ihre Anschaulichkeit, zu einem geeigneten Vorwurf für eine Nacherzählung, die nach zweimaligem Hören geleistet werden soll.
     Die Pfiffigkeit der Personen rückt den Stoff in die Nähe mancher Volksmärchen, nur dass die Erzählweise eine andere Art von Prägnanz hat. Andererseits ist die gesamte Erzählung viel kürzer.
     Die Anekdote - oder anekdotenhafte Geschichte - eignet sich deshalb sehr gut für die Verwendung in einer Stunde, deren Schwerpunkt das Üben einer Nacherzählung ist, in der aber auch Definitionen und Arbeitsanleitungen, etwa für die Dauer des ersten Stundendrittels, Raum haben sollen.

Didaktische Reduktion

Es besteht nicht die Absicht, in dieser Stunden auf den Typus der Anekdote einzugehen. Die Anekdote dient aus den o.a. Gründen nur als Arbeitsvorlage für die Nacherzählung.
     Es ist denkbar, dass einige Schüler nicht die Form der indirekten Rede anzuwenden verstehen. Es ist daher beabsichtigt, dieses Thema in einer der nächsten Stunden zu behandeln.

2.3 Der Stundenverlauf

Hier sollten Sie einhalten und überlegen, wie die Stunde verlaufen sein könnte. Sie haben richtig vermutet - es kam alles ganz anders als geplant. Keine Rede vom Üben der Nacherzählung - statt dessen eine leidenschaftliche und intensive Aussprache über ethisch-moralische Grundfragen, deren klare Urteile manch einen Erwachsenen beschämt hätten.

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3.0 Revision und exemplarische Bearbeitung

Die Diskrepanz zwischen Planung und Verlauf ist im Wesentlichen dadurch begründet, dass der Planende ein Opfer seines erkenntnisleitenden Interesses geworden ist. Das hat ihn dazu verleitet, die Vielschichtigkeit des Textes nicht zu ermitteln und deren didaktische Brisanz zu übersehen.
     Deshalb bietet sich dieses Beispiel dazu an, mittels einer systematischen Revision die Leistungen einer didaktischen Analyse im Detail vorzustellen.

3.1 Sach(struktur)analyse

Hier sind die Strukturmerkmale des Unterrichtsgegenstandes (UG) zu untersuchen. Dabei zeigt sich, dass nicht alle dort aufgeführten Leitfragen bei diesem UG zu plausiblen Antworten führen und/oder bearbeitet werden müssen; zwei der Leitfragen erweisen sich als ergiebig:

Die wesentlichen Strukturmerkmale des UG

Der UG ist eine Kurzgeschichte von geradezu anekdotenhafter Knappheit und straffem, in eine Pointe mündendem Aufbau. Sie trägt Züge einer Parabel, wird anschaulich erzählt und dürfte Schüler mit hoher Wahrscheinlichkeit ansprechen.
     Dennoch erweist sie sich bei näherer Betrachtung als vielschichtig und komplex. Daher kann eine Behandlung im Unterricht unter mehreren Gesichtspunkten erwogen werden:

  • Formale bzw. literarische Untersuchung, z.B.: Elemente einer Kurzgeschichte oder Anekdote, Stil, Gedankenführung u. Ä..;
  • instrumenteller Aspekt, z.B. Üben von Nacherzählung;
  • inhaltlicher Aspekt, d.h. Auseinandersetzung mit der Aussage des UG.

Die Schichten des UG

Eine nähere Untersuchung des UG zeigt, dass er mehrere Sinn- und Bedeutungsschichten enthält:

  • Das Ereignis selbst, der Ablauf der Handlung.
  • Diese Oberfläche bedarf hier weiter keiner Untersuchung.

  • die pointierte Darstellung und deren Aufbau
  • Die Erzählung ist nicht frei von Verstößen gegen die Logik und gedanklichen Brüchen, mindestens jedoch ist sie nachlässig geschrieben. Im zweiten Absatz heißt es nämlich, "und alle vier ... schliefen ein. Als sie aufwachten ..." Im letzten Absatz heißt es im Gegensatz dazu, " ...ich habe ... nicht geschlafen, ich bin wach geblieben."
         Im Übrigen wird gegen alle Lebenserfahrung ausgeblendet, dass die Reihenfolge, in der die Träume erzählt werden, Einfluss auf die folgenden Berichte der anderen haben kann. Vor allem jedoch ist zu fragen, wer jeweils das Opossum zusprechen kann ("Gut, er soll das Opossum haben!"; "Na, dann gebt ihm das Opossum."), wenn die drei anderen dagegen protestieren.
         So erweist sich die Pointe als konstruiert; sie überschreitet ihre Voraussetzungen. Dennoch hat die Pointe erheblichen Effekt, weil etwas völlig Unerwartetes geschieht (Mechanismus des Witzes). Die Aufmerksamkeit des Lesers wird damit in besonderem Maße erregt. Somit erweist sich der Schlusssatz: "Ihr wisst doch:..." als die zentrale Aussage der Geschichte, denn die Pointe ist das Vehikel für seine Präsentation.

  • die "instrumentelle" Ebene:
    die repräsentative Darstellung einer Problemlösungsstrategie;
  • die anthropologische Ebene:
    Verhalten von Menschen in einer konfliktträchtigen Extremsituation;
  • die Aussage der Geschichte, ihre 'Moral'.
    Nachdem sich die erste Erheiterung über den verblüffenden Ausgang der Geschichte gelegt hat, drängen sich einige Fragen auf. Insbesondere ist zu klären, welche Aussage vorliegt. Auch wenn sich der Autor auf eine Haltung oberflächlicher Heiterkeit, eine Art fröhlichen Zynismus' beschränkte, also gar keine belehrende Nutzanwendung zu beabsichtigen schiene, so kann die Aussage wegen ihrer schlüssigen Formulierung durchaus belehrend wirken: "So also muss man es machen ..." Zumindest bleibt die Aussage indifferent, ambivalent.
  • Damit wird eine weitere untersuchungsbedürftige Schicht sichtbar, und zwar

  • die erzieherische Wirkung
  • Aufforderungscharakter und Suggestion der Aussage sind offenkundig, doch bleibt es in der Schwebe, ob die Nutzanwendung direkt gemeint ist oder ironisch. So wird die eigentliche pädagogische Dimension erst in einer Auseinandersetzung mit der Frage erreicht, was die Schüler bei der Behandlung dieser Geschichte lernen können, lernen sollten und tatsächlich lernen. Im Kern geht es um das Verhältnis von Gutgläubigkeit und Gerissenheit sowie um die Bewertung dieser beiden Haltungen.
         Eine weitere Frage, die inhaltlich marginal und dennoch erzieherisch beachtlich ist, stellt sich mit der Tatsache, dass der Text vier „Neger" zu Trägern der Handlung macht. Naivität einerseits und Unverschämtheit andererseits sind jedoch allgemein menschliche Eigenschaften, nicht Merkmale einer „Rasse" oder Volksgruppe.
         Insgesamt handelt es sich bei dem UG um einen Stoff, der bei sorgfältiger Planung und Zielsetzung zu einer produktiven, jedoch von Risiken nicht freien Behandlung im Unterricht führen kann.

Mit dieser Feststellung geht die Untersuchung der Strukturmerkmale über in die

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3.2 Didaktische Analyse

Für den Fragenkatalog der didaktischen Analyse gilt gleichfalls, dass keineswegs sämtliche Fragen zu einer Antwort führen müssen. Dennoch sollte ein zur Behandlung vorgesehener UG sich möglichst auf mehreren Frageebenen als sinnvoll erweisen. Hier sind zu untersuchen:

  • Exemplarische Bedeutung
  • Für eine exemplarische Behandlung literarischer Aspekte lassen sich sicher Beispiele mit höherem literarischem Rang finden, als dieser Text besitzt. Außerdem dürfte der Aufforderungscharakter der Aussage eine formale Betrachtung sehr bald überlagern.
         Auf der erzieherischen Ebene hat der UG exemplarische Bedeutung, weil er einen Musterfall problematischen Verhaltens darstellt.

  • Gegenwartsbedeutung
  • Der UG hat Gegenwartsbedeutung, weil die Schüler entsprechende Konflikte selbst erleben.

  • Zukunftsbedeutung
  • Der UG hat Zukunftsbedeutung, weil die Schüler fähig werden müssen, Interessenkonflikte, zumal solche mit existentieller Bedeutung, selbständig zu lösen, vor allem jedoch die jeweilige Lösung auch zu verantworten. Mithin geht es um die Bereitstellung ethisch tragfähiger Modelle und Lösungsmuster.
         In diesem Sinne ist der Text nur dann geeignet, wenn man annimmt, er werde die Erkenntnis "So nicht!" auslösen, oder sich zutraut, diese Einsicht selbst anzubahnen.

  • Aufbau von Fachverständnis
  • Ein denkbarer Gewinn ist hier sicherlich nachrangig, vgl. oben unter "Exemplarische Bedeutung", erster Absatz.

  • Aufbau von Welt- und Sinnverständnis
  • Diese Frage ergänzt die Frage nach der mehr subjektiven Bedeutung des UG für die Schüler durch die mehr objektive Notwendigkeit, den Schülern über die Vermittlung von verantwortlicher Verhaltenssicherheit hinaus (s. o) den Zugang zu Bedeutung und Funktion ethischer Normen zu eröffnen.

  • Möglichkeiten des Zuganges
  • Diese Frage ist hier wesentlich leichter zu beantworten als bei stärker wissenschaftlichen Unterrichtsgegenständen. Das natürliche Gerechtigkeitsbedürfnis der Schüler wird sie wahrscheinlich zu der Frage veranlassen, ob sich Bob richtig verhalten hat.

  • Erschwernisse des Zuganges
  • Beim Erfassen des Sachverhaltes könnten logische Inkonsequenzen der Handlung zu Verständnisschwierigkeiten führen.
         Hinsichtlich der 'Botschaft' des UG könnte die Ambivalenz der Aussage zu Verwirrung oder Verunsicherung führen, erst recht jedoch die - zumindest vordergründig - geradezu triumphierende Präsentation des 'So muss man es machen!'. Nicht ausgeschlossen werden kann auch eine positive Reaktion von naiv ichbezogenen Kindern, die sich in ihren eigenen Strebungen durch Bobs Verhalten bestätigt fühlen könnten.

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3.3 Didaktische Reduktion

Die Vielzahl der möglichen Gesichtspunkte macht eine Auswahl erforderlich. Im Mittelpunkt der Stunde muss der im Vorstehenden erörterte Gehalt des UG stehen; er ist herauszuarbeiten. Zu vereinfachende Schwierigkeiten oder einzuschränkende Detailfülle liegen nicht vor.

3.4 Abschließende Bewertung

Die unter Nr. 3.1 und Nr. 3.2 vorgetragenen Analysen machen deutlich, dass die Behandlung der Geschichte einerseits reizvoll ist und lohnend sein kann, andererseits eindringende Analyse, genaue Zielvorstellungen, sensibles Einfühlungsvermögen und reaktionssicheres Verhalten im Unterricht voraussetzt.

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4.0 Schlussbemerkun

Die vorstehenden Ausführungen sind offenkundig dem bildungstheoretischen Wolfgang KLAFKIs verpflichtet. Die Untersuchung des bildenden Wertes, den ein Unterrichtsgegenstand für die Lernenden haben kann, ist keine Frage einer wissenschaftlichen Mode, sondern eine Grundaufgabe jedes didaktischen Urteilens und Entscheidens. Deshalb ist es gleichgültig, welcher didaktischen Denkrichtung ein Unterrichtender zuneigt.

Detaillierte Informationen zum Begriff der Bildung und seiner weiteren Entfaltung finden Sie auf der Webseite "Bildung".


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Ausgearbeitet von:     Dr. Manfred Rosenbach -        letzte Änderung am: 15.01.08
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