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Streben nach Erfolg – Vermeiden von Misserfolg

Anmerkungen zu deren Entstehungsursachen

Übersicht
1.0 Erziehung und Motivationstypus
      1.1 Familie
      1.2 Schule
2.0 Untersuchungen
      2.1 Der Ansatz
      2.2 Die Unterschiede
3.0 Literaturgrundlage

1.0 Erziehung und Motivationstypus

1.1 Familie

Erziehungsziele und vor allem Erziehungsstil der Eltern haben offenbar erhebliche Folgen für die Entstehung eines Selbstkonzeptes und damit für die Motivstruktur eines Kindes. Die folgenden Aussagen sind idealtypische Vereinfachungen und sollen lediglich die generell anzunehmenden Tendenzen sichtbar machen.

Manche Eltern nehmen Leistungseifer und Erfolg ihres Kindes ungerührt als selbstverständlich hin, tadeln es jedoch für mangelnde Anstrengung und Misserfolg. Sie schwächen damit die Erfolgsorientierung sowie die Risikobereitschaft ihres Kindes und lenken es auf die bloße Vermeidung von Misserfolgen.

Wenden sich Eltern jedoch ihrem Kind nach Erfolgen liebevoll zu und reagieren sie auf dessen Misserfolge neutral, so tragen sie zu einer erfolgszuversichtlichen Motivstruktur bei. Im übrigen sind die Zusammenhänge komplexer, als es nach der vorstehenden Aussage zu sein scheint. So kann ein – zumal überschwänglich erteiltes – Lob geradezu als Kränkung wirken, wenn es für eine vom Handelnden als geringfügig empfundene Leistung gewährt wird. Ein – jedenfalls behutsam formulierter – Tadel hingegen kann dem Getadelten einen Begriff von der Leistung vermitteln, die man ihm zutraut, und dadurch motivierend wirken. Außerdem kommt es auch darauf an, ob ein Kind sich als akzeptiert erlebt oder nicht.

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1.2 Schule

Die hier dargestellten Sachverhalte und Zusammenhänge gelten auch in der und für die Schule, weil Unterricht nicht nur informierende Aufgaben hat, sondern auch erzieherische Funktion und Wirkung. Diese Aussage mag trivial scheinen und dennoch ist sie notwendig. In der täglichen Kommunikation und Interaktion von Lehrern und Schülern gibt es unzählige Situationen, die das Selbstbild und Selbstvertrauen der Schüler in der einen oder aber der anderen Richtung prägen. Damit ist uns Lehrern eine große Verantwortung auferlegt. Nur durch bewusstes Handeln und Verhalten können wir ihr gerecht werden.

2.0 Untersuchungen

2.1 Der Ansatz

Wetteiferstudien legten die Annahme nahe, daß individuelle Unterschiede in der Heftigkeit von Erfolgs- und Misserfolgsreaktionen vier- bis sechsjähriger Kinder bereits überdauernde Anreizgewichtungen erkennen lassen.

Heinz HECKHAUSEN (1980) berichtet über eine großangelegte Studie, in der diese Annahme überprüft werden sollte. Dabei wurde wie folgt vorgegangen: Aus dem Einschulungsjahrgang einer Großstadt wurden 40 Jungen nach folgenden Gesichtspunkten ausgewählt und in zwei Gruppen aufgeteilt.

Beide Gruppen unterschieden sich nicht hinsichtlich demographischer, ökologischer Variablen sowie des intellektuellen Entwicklungsstandes und der Motivausprägung – sie waren weder besonders erfolgs- noch misserfolgsmotiviert – bei der Einschulung und der Schulnoten im 2. Schuljahr.

Worin sich beide Gruppen jedoch unterschieden, war der Motivwandel; am Ende des ersten Schuljahres war die eine Gruppe ausgesprochen erfolgsmotiviert und die andere ausgesprochen misserfolgsmotiviert. Zur Aufhellung des divergierenden Motivwandels wurde mittels Beobachtungs- und Befragungstechniken eine alltägliche (ökologische) Schlüsselsituation dieser Altersgruppe analysiert, nämlich die Mutter-und-Kind-Interaktion bei der Anfertigung der Hausaufgaben.

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2.2 Die Unterschiede

Zwischen den Müttern beider Motivgruppen ergaben sich klare Unterschiede in vierfacher Hinsicht:

  • Hinsichtlich der Gütestandards und Bezugsnormen, die die Mütter bei der Bewertung der Schulleistungen verwandten,

  • hinsichtlich der Selbständigkeit, die sie ihrem Sohn beim Anfertigen der Hausarbeiten gewährten,

  • hinsichtlich der Zuschreibungsmuster, die sie zur Erklärung der Leistungen ihres Sohnes heranzogen, und

  • hinsichtlich ihrer Bewertungsreaktionen (Bekräftigungen) auf gute und schlechte Leistungen.

Die Mütter jener Jungen, die im Laufe des ersten Schuljahres misserfolgsängstlicher geworden waren – d. h. inzwischen vermutlich den Anreiz von Misserfolg stärker gewichteten als den von Erfolg – lassen sich im Unterschied zu den Müttern, deren Söhne erfolgszuversichtlicher geworden waren, wie folgt charakterisieren.

  • Sie orientierten sich mehr an sozialen als an individuellen und sachlichen Bezugsnormen, wollten höhere Gütestandards erfüllt sehen und waren unzufriedener mit den Hausaufgaben, obwohl in den Zeugnisnoten zwischen beiden Gruppen kein Unterschied bestand.

  • Sie strukturierten und kontrollierten die Hausaufgabensituationen stärker, respektierten weniger kindliche Wünsche und ermunterten das Kind seltener zu selbstgefaßten Entscheidungen und zu eigenständigen Arbeiten. Sie waren nicht weniger bereit, Unterstützung zu geben, taten dies jedoch weniger in Form selbständigkeitsrespektierender, indirekter Hinweise zur Aufgabenlösung als in Form direkter Eingriffe in die Aufgabenbearbeitung.

  • Im Interview erklärten sie Erfolg bei den Hausaufgaben weniger mit guter Begabung und Misserfolg, stärker mit mangelnder Begabung. Auch in der Interaktion während des Anfertigens der Hausaufgaben wiesen sie ihren Sohn häufiger auf mangelnde Begabung und mangelnde Anstrengung hin, während sie Erfolge der Leichtigkeit der Aufgabe zuschrieben.

  • Auf gute Leistungen reagierten sie häufiger neutral und lobten oder herzten seltener. Nach schlechten Leistungen tadelten und schimpften sie häufiger – ganz nach dem Berliner Motto:

„Nicht geschimpft ist genug gelobt.“

Wie mit einem Brennglas hat die Analyse dieser ökologischen Schlüsselsituation sozialisatorische Einflüsse aufgedeckt, die einen stark divergierenden, nur innerhalb eines Jahres abgelaufenen Motivwandel im Sinne einer Verschiebung der Anreizgewichte für Erfolg und Misserfolg erklären können. Allerdings fehlt auf Seiten des Kindes die entsprechende Differenzierung an motivationstheoretischen Konstrukten, wie sie auf Seiten der Mütter vorgenommen wurde. So bleibt offen, ob etwa das misserfolgsmotivierende Zuschreibungsmuster der mütterlichen Fremdbewertung ein entsprechendes Zuschreibungsmuster der kindlichen Selbstbewertung herausgebildet und damit indirekt eine Verschiebung der Anreizgewichte bewirkt hat oder ob dies vielleicht auch direkt geschehen ist. Offen bleibt auch, ob nicht, wie wir vermuteten, schon früher – etwa ab vier bis fünf Jahren – individuelle Unterschiede der Anreizgewichtung sich ausbilden können.

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3.0 Literaturgrundlage

Der Text zu Nr. 2.0 wurde ausgearbeitet nach

  • Heinz HECKHAUSEN
    Motivation und Handeln
    Lehrbuch der Motivationspsychologie
    Berlin 1980, S. 669 ff.

Die Literaturnachweise für die weiteren Webseiten dieses thematischen Bereiches 
finden Sie hier.
Ein zusammenfassendes Literaturverzeichnis
für die Themengruppe »Lernen – Voraussetzungen, Möglichkeiten, Probleme«
finden Sie hier.


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Ausgearbeitet von:     Dr. Manfred Rosenbach -       letzte Änderung am: 15.01.08
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